Rentnerslalom

Gestern war ich, wie ich es regelmäßig mache, eine Runde joggen. Ich hatte mich schon einmal vor dem Lauf gedehnt, machte es aber auf der Hälfte des Weges nocheinmal, so wie ich das immer mache. Dass das so am besten sei, habe ich von einem selbsternannten Laufguru in einem Sportforum gelesen. Ich legte mein rechtes Bein auf die Lehne der am Wegrand stehenden Bank und beugte mich vor um meine Zehen zu berühren. Nach zwanzig Sekunden folgte das linke Bein folgte. Als auch die andere Seite fertig war, drehte ich mich um, um bei dem Dehnen der Oberschenkelmuskeln das Bergpanorama genießen zu können und da sah ich sie.

Ein nach der Kleidung und Haarfarbe nach beurteiltes Paar im Rentenalter stand still und starr circa zweihundert Meter entfernt von mir auf der meinen Weg bald schneidenden Straße und blickte in meine Richtung. „Ach das bilde ich mir bestimmt nur ein…“, dachte ich mir und fuhr fort. Ich zog meine Ferse nach hinten, bis sie meinene Rückseite berührte und zählte.
1-2-3-4-5 „Die sehen klar in meine Richtung.“
6-7-8-9-10 „Ach, da ist bestimmt was hinter mir oder in meiner Nähe. Hmm nee, also ich sehe nichts.“
11-12-13-14-15 „Die schauen ja immernoch…“
16-17-18-19-20 „VERDAMMT WIESO STARREN DIE MICH AN?!
Augen voller Furcht, Angst, Schock und Entsetzen
Ich schiss auf das Strecken und lief los. Und in genau diesem Moment lockerte sich die Starre der Alten und wurde schließlich zu einem langsamen traben. Sie hatten mich also tatsächlich beobachtet. Was sollte das? Was haben sie sich dabei gedacht?

„Oh Schatz, schau mal, da hinten macht jemand Dehnübungen.“
„Ui! Lass ihn uns wie zwei verrückte Psychopathen anglotzen.“

Aber im Grunde bin ich sowas ja schon gewöhnt. Meine Joggingstrecke führt mich nämlich auf Trampelpfäden, Fahrradwegen und Schotterstraßen durch den idyllischen Wald, an zwei Baggerseen und an Weiden und Feldern mit dem Blick auf Bergen vorbei. Diese schöne Umgebung wird natürlich nicht nur von mir genossen, schließlich mag jeder einen Ausflug in die Natur. Hauptsächlich trifft man jedoch auf Rentner, ob alleine oder in Rudeln. Diese haben schließlich nichts zu tun und können so die ganze Zeit draußen rumlungern. Manchmal ist das so schlimm, das ich anstatt vom Joggen einfach nur vom „Rentnerslalom“ rede.
Wenn ich an einem Renter vorbeilaufe, so kann man das in drei Phasen einteilen:
1. Aufmerksamwerden
Ich laufe natürlich nicht lautlos. Je nach Hörkraft bemerken mich die Rentner bei einer gewissen Entfernung und drehen sich in Zeitlupe um. Sie bleiben stehen und starren mich an. Ich habe es sogar schon erlebt, dass jemand mit dem Finger auf mich gezeigt hat.
2. Die Wende
Diese Phase tritt ein, wenn ich mich den Rentnern weiter nähere. Sie folgen mir jetzt nicht nur mit dem Blick, sondern mit dem ganzen Körper, um mich ja nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei drehen sie sich um, bis sie wieder nach vorne gerichtet sind.
3. Remobiliserung
Der Spaziervorgang wird wieder eingeleitet, vermutlich (aber ich hoffe das Gegenteil) wird danach noch meine Rückseite studiert, bis ich aus dem Blickfeld verschwinde.

Dieses mysteriöse Verhalten ist mir ein Rätsel. An meinem Laufen ist doch wohl nichts besonderes, ich bin heutzutage nur einer von vielen Joggern. Ist ihr Leben etwa so langweilig, dass sie nichts besseres zu tun haben? Haben sie Angst, dass ich sie überfalle? Oder finden die mich einfach nur toll…

Jedenfalls werde ich wohl irgendwann einer armen kleinen Omi „Glotzen sie nicht so!“ ins Gesicht schreien, wenn das so weiter geht. Also hört damit auf, liebe Mitbürger hohen Alters!


1 Antwort auf „Rentnerslalom“


  1. 1 DerMo 19. September 2009 um 20:22 Uhr

    Deswegen gehe ich nie joggen…. ;)

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